Allergie abklären lassen: Ablauf und Kosten in der Schweiz

Allergien in der Schweiz — ein Volksleiden

Allergie abklären lassen: Ablauf und Kosten in der Schweiz

Rund 35 Prozent der Schweizer Bevölkerung sind von einer Allergie betroffen. Das sind fast 3 Millionen Menschen. Heuschnupfen (allergische Rhinitis) ist mit Abstand am häufigsten, gefolgt von Hausstaubmilben-Allergie, Nahrungsmittelallergien, Insektengift-Allergie und Medikamentenallergien. Tendenz steigend — seit den 1980er-Jahren hat sich die Allergiehäufigkeit in der Schweiz etwa verdoppelt.

Und trotzdem lassen sich viele Betroffene nie richtig abklären. Sie greifen im Frühling zu Antihistaminika aus der Apotheke, arrangieren sich irgendwie — und nehmen in Kauf, dass sie wochenlang müde, verstopft und leistungsschwach durch den Tag kommen. Dabei ist eine fundierte Allergieabklärung nicht aufwändig, von der Grundversicherung gedeckt und kann die Lebensqualität massiv verbessern.

Welcher Arzt macht die Allergieabklärung?

Ihr Hausarzt kann eine Basisabklärung durchführen — Anamnese, Pricktest, allenfalls Bluttest (spezifisches IgE). Viele Hausärzte machen das routinemässig. Für eine umfassende Abklärung, bei schweren oder unklaren Fällen, überweist er Sie an einen Allergologen — einen Facharzt für Allergologie und klinische Immunologie.

In der Schweiz gibt es rund 300 Allergologen. Die Wartezeiten für einen Termin können je nach Region 4 bis 12 Wochen betragen. In Zürich, Bern und Basel finden Sie grössere Allergiezentren mit kürzeren Wartezeiten. An Universitätsspitälern gibt es spezialisierte Allergie-Polikliniken.

Ablauf der Allergieabklärung

1. Anamnese — das ausführliche Gespräch

Der Arzt fragt detailliert nach Ihren Symptomen: Wann treten sie auf? Saisonal oder ganzjährig? In welcher Umgebung? Gibt es Auslöser wie bestimmte Nahrungsmittel, Tiere, Pollen? Verschlimmern sich die Symptome bei körperlicher Anstrengung? Gibt es Allergien in der Familie?

Tipp: Führen Sie vor dem Termin ein Symptomtagebuch — mindestens 2 Wochen lang. Notieren Sie, wann die Beschwerden auftreten, wie stark sie sind und was Sie kurz vorher gegessen, getan oder wo Sie sich aufgehalten haben. Das hilft dem Arzt enorm.

2. Pricktest (Hauttest)

Der Pricktest ist der Standardtest bei Allergieverdacht. Auf der Innenseite des Unterarms werden kleine Tropfen verschiedener Allergen-Lösungen aufgetragen — Pollen, Hausstaubmilben, Tierhaare, Nahrungsmittel, Schimmelpilze. Dann wird die Haut mit einer feinen Lanzette leicht angeritzt (kein Schmerz, nur ein leichtes Piksen).

Nach 15 bis 20 Minuten wird das Ergebnis abgelesen: Eine Rötung und Schwellung (Quaddel) an einer Teststelle zeigt eine Sensibilisierung an. Je grösser die Quaddel, desto stärker die Reaktion. Der ganze Test dauert etwa 30 Minuten inklusive Wartezeit.

Wichtig: 5 bis 7 Tage vor dem Pricktest keine Antihistaminika einnehmen — sie verfälschen das Ergebnis.

3. Bluttest (spezifisches IgE)

Ein Bluttest kann die Pricktestergebnisse ergänzen oder ersetzen — etwa wenn Sie Antihistaminika nicht absetzen können, eine Hauterkrankung vorliegt oder der Pricktest unklar war. Im Blut werden spezifische IgE-Antikörper gegen einzelne Allergene gemessen.

Moderne Bluttests (komponentenbasierte Diagnostik) können sogar unterscheiden, ob Sie auf das Hauptallergen oder ein Nebenallergen reagieren — das ist entscheidend für die Frage, ob eine Desensibilisierung sinnvoll ist.

4. Provokationstest

Bei unklaren Ergebnissen oder vor einer Desensibilisierung kann ein Provokationstest durchgeführt werden — unter ärztlicher Überwachung wird das verdächtige Allergen direkt angewendet (nasal, oral oder bronchial). Das passiert ausschliesslich in spezialisierten Zentren mit Notfallausrüstung.

Kosten und Kassenleistungen

Allergie abklären lassen: Ablauf und Kosten in der Schweiz - illustration

Die gute Nachricht: Die Allergieabklärung ist eine KVG-Pflichtleistung und wird von der Grundversicherung übernommen — abzüglich Franchise und Selbstbehalt.

  • Pricktest: CHF 50 bis 100 (je nach Anzahl getesteter Allergene)
  • Bluttest (spezifisches IgE): CHF 80 bis 200 (je nach Anzahl der Allergene)
  • Konsultation Allergologe: CHF 150 bis 250 (Erstkonsultation mit Testung)
  • Provokationstest: CHF 200 bis 500 (stationär oder ambulant)

All diese Kosten laufen über die Grundversicherung. Ein Allergologiebesuch zählt als normaler Arztbesuch und wird an Franchise und Selbstbehalt angerechnet.

Desensibilisierung — die einzige ursächliche Behandlung

Die spezifische Immuntherapie (SIT), auch Desensibilisierung oder Hyposensibilisierung genannt, ist die einzige Therapie, die an der Ursache der Allergie ansetzt — nicht nur an den Symptomen. Dabei wird das Immunsystem schrittweise an das Allergen gewöhnt.

Zwei Verabreichungsformen:

  • Subkutane Immuntherapie (SCIT): Spritzen beim Arzt — anfangs wöchentlich, später monatlich. Dauer: 3 bis 5 Jahre.
  • Sublinguale Immuntherapie (SLIT): Tabletten oder Tropfen unter die Zunge — täglich zu Hause. Dauer: 3 Jahre.

Die Erfolgsrate ist hoch: Bei Heuschnupfen erreichen 70 bis 90 Prozent der Patienten eine deutliche Besserung. Bei Insektengift-Allergie sogar über 95 Prozent — hier kann die Desensibilisierung lebensrettend sein.

Die Kosten werden von der Grundversicherung übernommen. Das gilt sowohl für die SCIT als auch für die SLIT.

Symptombehandlung — was hilft sofort?

  • Antihistaminika: Cetirizin, Loratadin, Fexofenadin — rezeptfrei in der Apotheke, gegen Niesen, Juckreiz, laufende Nase. Moderne Präparate machen kaum noch müde.
  • Nasensprays: Kortikosteroid-Nasensprays (Nasonex, Avamys) sind bei Heuschnupfen hochwirksam und nebenwirkungsarm. Verschreibungspflichtig.
  • Augentropfen: Antihistaminische Augentropfen gegen juckende, tränende Augen.
  • Notfallset bei Anaphylaxie: Bei schweren Allergien (Insektengift, Erdnuss) ein Adrenalin-Autoinjektor (EpiPen), ärztlich verordnet und kassenpflichtig.

Häufige Fragen zur Allergieabklärung

Ab welchem Alter kann man Kinder auf Allergien testen?

Pricktests sind ab dem Säuglingsalter möglich, werden aber in der Regel ab 2 bis 3 Jahren durchgeführt. Bluttests können in jedem Alter gemacht werden. Bei Verdacht auf Nahrungsmittelallergie beim Kleinkind (z. B. Kuhmilch, Hühnerei) sollte die Abklärung nicht aufgeschoben werden.

Kann eine Allergie im Erwachsenenalter neu auftreten?

Ja, das ist häufiger als man denkt. Rund 20 Prozent der Allergien treten erstmals im Erwachsenenalter auf. Besonders Nahrungsmittelallergien und Medikamentenallergien können sich auch im Alter von 40 oder 50 Jahren erstmals zeigen.

Was ist der Unterschied zwischen Allergie und Intoleranz?

Eine Allergie ist eine Immunreaktion (IgE-vermittelt) und kann im schlimmsten Fall zu einem anaphylaktischen Schock führen. Eine Intoleranz (z. B. Laktoseintoleranz) betrifft den Stoffwechsel, nicht das Immunsystem, und ist unangenehm, aber nicht lebensbedrohlich. Die Tests sind unterschiedlich — Intoleranzen werden meist durch Atemtests oder Eliminationsdiäten diagnostiziert.

Ist die Desensibilisierung auch bei älteren Erwachsenen sinnvoll?

Ja. Eine Altersgrenze gibt es nicht. Die Wirksamkeit ist bei Erwachsenen jeden Alters nachgewiesen. Bei Insektengift-Allergie wird die Desensibilisierung sogar besonders dringend empfohlen, da ältere Personen ein höheres Anaphylaxie-Risiko haben.

Brauche ich eine Überweisung zum Allergologen?

Nur wenn Ihr Versicherungsmodell das verlangt (HMO, Hausarztmodell, Telmed). Bei freier Arztwahl können Sie direkt einen Allergologen aufsuchen. Die Kosten werden in jedem Fall von der Grundversicherung übernommen.

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