Ärztlicher Notfalldienst: Wann 144 rufen?
Nicht jeder Notfall ist ein Notfall
Freitagabend, 22 Uhr. Ihr Kind hat 39 Grad Fieber und Ohrenschmerzen. Was tun? In die Notaufnahme des Unispitals? Den Rettungsdienst rufen? Abwarten bis Montag? Die Antwort liegt irgendwo dazwischen — und genau darin besteht das Problem: Viele Menschen in der Schweiz wissen nicht, welche Anlaufstelle für ihre Situation die richtige ist. Das führt dazu, dass Notaufnahmen überlastet sind und echte Notfälle warten müssen.
In der Schweiz gibt es ein abgestuftes System für medizinische Dringlichkeiten. Wenn Sie die richtigen Anlaufstellen kennen, sparen Sie sich Wartezeiten und Kosten — und entlasten das System für die, die es wirklich brauchen.
Die Anlaufstellen im Überblick
144 — Sanitätsnotruf (lebensbedrohlich)
Die 144 ist die Nummer für echte Notfälle — Situationen, in denen Lebensgefahr besteht oder schwere gesundheitliche Schäden drohen. Rufen Sie die 144 an bei:
- Bewusstlosigkeit
- Starke Brustschmerzen oder Atemnot — Verdacht auf Herzinfarkt oder Lungenembolie
- Schwere Verletzungen — starke Blutungen, offene Frakturen, Verbrennungen
- Schlaganfall-Symptome — plötzliche Sprachstörung, halbseitige Lähmung, Sehstörungen
- Schwere allergische Reaktion (Anaphylaxie) — Schwellung, Atemnot, Kreislaufkollaps
- Epileptischer Anfall, der länger als 5 Minuten dauert
- Schwere Vergiftung
- Suizidversuch oder akute Suizidgefahr
Die Sanitätsnotrufzentrale entscheidet, ob ein Rettungswagen, ein Notarzt oder ein Rega-Helikopter geschickt wird. Der Anruf ist kostenlos, die Einsatzkosten werden von der Krankenkasse oder Unfallversicherung übernommen (bei der Krankenkasse mit Franchise und Selbstbehalt, bei Unfällen ohne).
Notfallstation des Spitals
Die Notfallstation (Notaufnahme) ist rund um die Uhr geöffnet und für schwere, aber nicht unmittelbar lebensbedrohliche Situationen gedacht:
- Knochenbrüche und starke Verstauchungen
- Starke Bauchschmerzen mit Fieber oder Erbrechen
- Hohes Fieber (über 40 Grad) mit schlechtem Allgemeinzustand
- Tiefe Schnittwunden, die genäht werden müssen
- Plötzliche starke Kopfschmerzen (so stark wie nie zuvor)
- Akute Atemnot bei Asthma oder COPD
Die Triage (Dringlichkeitseinstufung) erfolgt bei Ankunft: Lebensgefährliche Fälle werden sofort behandelt, weniger dringende müssen warten — manchmal mehrere Stunden. Das ist keine Schikane, sondern medizinische Notwendigkeit.
Kosten: Notfallstation ist teurer als eine normale Arztkonsultation. Rechnen Sie mit CHF 300 bis 800 für einen einfachen Notfallbesuch — plus Diagnostik, Bildgebung, allfällige Medikamente. Die Grundversicherung zahlt (abzüglich Franchise/Selbstbehalt), aber einige Kantone erheben einen Zuschlag für den Notfall.
Permanence / Walk-in-Praxis
Die Permanence ist eine Arztpraxis mit erweiterten Öffnungszeiten — typisch von 7 bis 22 Uhr, 365 Tage im Jahr, manche auch nachts. Sie ist die ideale Anlaufstelle für dringende, aber nicht lebensbedrohliche Beschwerden:
- Fieber und Grippe-Symptome
- Mittelohrentzündung beim Kind
- Leichte Verletzungen — Verstauchungen, kleinere Schnittwunden
- Harnwegsinfekt
- Starke Kopf- oder Zahnschmerzen
- Hautausschlag oder Allergiesymptome
Permanencen gibt es in den meisten grösseren Städten: Zürich (Permanence am Hauptbahnhof), Bern, Basel, Luzern, St. Gallen. Die Kosten sind deutlich tiefer als in der Notfallstation — vergleichbar mit einem normalen Arztbesuch (CHF 100 bis 250).
Ärztlicher Notfalldienst (telefonisch)
In den meisten Kantonen gibt es einen telefonischen Ärztenotfalldienst, der abends, nachts und am Wochenende erreichbar ist. Die Nummern variieren je nach Kanton — einige Beispiele:
- Kanton Zürich: 0800 33 66 55 (gratis)
- Kanton Bern: 0900 57 67 47 (kostenpflichtig)
- Kanton Basel-Stadt: 061 261 15 15
- Kanton Luzern: 0900 11 14 14
Am Telefon wird beurteilt, ob Sie einen Hausbesuch brauchen, in die Permanence gehen sollten oder ob es bis zum nächsten Tag warten kann. Die Beurteilung ist medizinisch fundiert — am anderen Ende sitzt ein Arzt oder eine speziell geschulte medizinische Fachperson.
Medizinische Hotline der Krankenkasse
Viele Krankenkassen bieten eine 24-Stunden-Gesundheitshotline an — kostenlos für Versicherte. Beispiele: Medgate (bei CSS, Helsana, Visana u.a.), Medi24 (bei Swica). Hier erhalten Sie eine telemedizinische Erstbeurteilung und eine Empfehlung, wohin Sie sich wenden sollten. Das ist besonders abends und am Wochenende nützlich, wenn Sie unsicher sind.
Wann können Sie abwarten?
Nicht alles braucht sofortige ärztliche Hilfe. In folgenden Situationen können Sie bis zum nächsten Werktag warten und Ihren Hausarzt aufsuchen:
- Erkältung ohne hohes Fieber bei Erwachsenen
- Leichte Kopfschmerzen
- Muskelkater oder leichte Rückenschmerzen
- Leichte Magen-Darm-Beschwerden ohne Blut und ohne starke Dehydrierung
- Chronische Beschwerden, die sich nicht akut verschlechtert haben
Kinder im Notfall
Bei Kindern ist die Einschätzung oft schwieriger — sie können ihre Beschwerden nicht immer gut beschreiben, und Eltern sind verständlicherweise besorgter. Als Faustregel:
- 144 / Notfall: Bewusstlosigkeit, schwere Atemnot, Krampfanfall, schwere Verletzung, Vergiftung (Tox-Zentrum: 145)
- Permanence / Notfallstation: Hohes Fieber (über 39 Grad bei Säuglingen unter 3 Monaten immer sofort!), anhaltende starke Bauchschmerzen, starkes Erbrechen mit Dehydrierung, Verletzungen mit möglichem Bruch
- Nächster Werktag: Leichtes Fieber, Schnupfen, Husten ohne Atemnot, leichte Ohrenschmerzen
Kosten eines Notfallbesuchs
Die Kosten variieren erheblich je nach Anlaufstelle:
- Rettungsdienst (144): CHF 800 bis 1'500 pro Einsatz — die Krankenkasse übernimmt 50 Prozent, max. CHF 5'000 pro Jahr. Den Rest zahlen Sie selbst oder Ihre Zusatzversicherung.
- Notfallstation Spital: CHF 300 bis 1'000+ — Grundversicherung zahlt (Franchise/Selbstbehalt)
- Permanence: CHF 100 bis 300 — Grundversicherung zahlt (Franchise/Selbstbehalt)
- Gesundheitshotline: Meist kostenlos für Versicherte
Tipp: Wenn Sie eine Zusatzversicherung haben, prüfen Sie, ob Rettungstransporte vollständig gedeckt sind. Die Grundversicherung übernimmt nur 50 Prozent der Rettungskosten (max. CHF 5'000/Jahr) — bei einem Helikoptereinsatz (CHF 3'000 bis 5'000) bleibt eine erhebliche Restkostenbeteiligung.
Häufige Fragen zum Notfalldienst
Muss ich in die nächstgelegene Notfallstation oder kann ich wählen?
Sie haben grundsätzlich freie Spitalwahl. Bei einem echten Notfall bringt der Rettungsdienst Sie allerdings ins nächstgelegene geeignete Spital — das ist medizinisch sinnvoll und nicht verhandelbar.
Was kostet ein Helikopter-Einsatz der Rega?
Ein Rega-Einsatz kostet CHF 3'000 bis 5'000 (Inland). Rega-Gönner (Jahresbeitrag CHF 30 für Einzelpersonen) können im Härtefall auf einen Erlass der nicht versicherten Kosten hoffen — ein Rechtsanspruch besteht aber nicht. Die Grundversicherung übernimmt 50 Prozent, Zusatzversicherungen oft den Rest.
Kann ich wegen eines Notfallbesuchs eine Rechnung bekommen, die die Kasse nicht zahlt?
Wenn Sie die Notfallstation für etwas aufsuchen, das auch bis zum nächsten Tag hätte warten können, zahlt die Grundversicherung trotzdem — es gibt keine Strafe für «unnötige» Notfallbesuche. Allerdings können einige Kantone einen Notfallzuschlag erheben. Und natürlich wird alles an Ihre Franchise angerechnet.
Gibt es in der Schweiz die Nummer 112?
Ja, die 112 (europäischer Notruf) funktioniert auch in der Schweiz und verbindet Sie mit der nächsten Notrufzentrale. Für medizinische Notfälle ist aber die 144 die direkte und schnellere Nummer. Weitere Nummern: 117 (Polizei), 118 (Feuerwehr), 145 (Tox-Zentrum bei Vergiftungen).
Kann ich in der Permanence auch ein Arztzeugnis bekommen?
Ja. Die Ärzte in der Permanence können ein Arztzeugnis ausstellen — für Ihre Arbeitsunfähigkeit oder als Nachweis für den Arbeitgeber. Das ist vor allem dann relevant, wenn Sie am Wochenende erkranken und Ihr Hausarzt nicht erreichbar ist.