Notfall in der Schweiz: 144, Notaufnahme oder Permanence?
Panik am Sonntagabend: Wohin jetzt?
Es ist Sonntagabend, das Kind hat hohes Fieber, die Hausarztpraxis ist geschlossen. Oder: Sie haben sich beim Sport das Knie verdreht, es schwillt an und Sie können nicht mehr auftreten. Was tun? 144 anrufen? In die Notaufnahme fahren? Gibt es etwas dazwischen?
In der Schweiz gibt es mehrere Anlaufstellen für medizinische Notfälle – und die richtige Wahl spart Ihnen Zeit, Nerven und manchmal auch Geld.
Die Notfallnummer 144
Die Sanitätsnotrufnummer 144 ist die zentrale Nummer für medizinische Notfälle in der Schweiz. Rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr.
Wann anrufen?
- Lebensbedrohliche Situationen (Herzinfarkt, Schlaganfall, schwere Verletzung)
- Bewusstlosigkeit
- Starke Atemnot
- Schwere allergische Reaktion
- Starke Blutung, die sich nicht stoppen lässt
Die Disponenten am Telefon beurteilen die Lage und schicken bei Bedarf einen Rettungswagen. Sie geben Ihnen auch Anweisungen zur Ersten Hilfe, bis die Rettung eintrifft.
Wichtig: Rufen Sie die 144 nur bei echten Notfällen an. Für alles andere gibt es bessere Optionen.
Die Notaufnahme im Spital
Jedes grössere Spital hat eine Notaufnahme (manchmal «Notfallstation» oder «Urgence» genannt). Dort werden Sie rund um die Uhr behandelt – aber nach dem Triage-System. Das heisst: Nicht wer zuerst kommt, wird zuerst behandelt, sondern wer am dringendsten Hilfe braucht.
Konsequenz: Wenn Sie mit Bauchschmerzen in die Notaufnahme gehen und gerade zwei Unfälle eingeliefert werden, warten Sie – möglicherweise stundenlang.
Wann in die Notaufnahme?
- Schwere Verletzungen (Knochenbrüche, tiefe Schnittwunden)
- Starke, plötzliche Schmerzen (Brustschmerzen, starke Bauchschmerzen)
- Vergiftungen
- Akute psychiatrische Krisen
- Wenn die 144 Sie dorthin schickt
Kosten
Notaufnahmen sind teuer. Es wird ein Notfallzuschlag verrechnet, der je nach Spital und Kanton variiert. Die Grundversicherung übernimmt die Kosten, aber Sie zahlen Franchise und Selbstbehalt. Bei einem Notaufnahme-Besuch kommen schnell 500-1'500 Franken zusammen.
Die Permanence: Das Beste dazwischen
Die Permanence (auch Walk-in-Praxis, Notfallpraxis oder MedBase Notfall) ist eine Art Arztpraxis mit erweiterten Öffnungszeiten – oft auch abends und am Wochenende. Hier werden nicht-lebensbedrohliche akute Probleme behandelt:
- Fieber und Grippe
- Kleinere Verletzungen (Verstauchungen, Prellungen)
- Ohrenschmerzen, Halsschmerzen
- Hautausschläge
- Magen-Darm-Beschwerden
Permanencen gibt es in grösseren Städten: Zürich (Permanence am HB), Bern (Walk-in Medix), Basel, Luzern und anderen.
Vorteile
- Kürzere Wartezeiten als in der Notaufnahme
- Günstiger als die Notaufnahme
- Kein Termin nötig
- Gut geeignet für akute, aber nicht lebensbedrohliche Probleme
Der ärztliche Bereitschaftsdienst
Viele Regionen haben einen ärztlichen Notfalldienst ausserhalb der regulären Sprechstunden. Je nach Kanton erreichen Sie diesen über:
- Eine kantonale Notfallnummer (z.B. 0800-Nummern)
- Die Zentrale Ihres Versicherungsmodells (Telmed)
- Die Praxis Ihres Hausarztes (Anrufbeantworter mit Weiterleitung)
Der Bereitschaftsdienst ist besonders in ländlichen Regionen wichtig, wo es keine Permanence gibt.
Telemedizin als Erstbeurteilung
Bevor Sie irgendwohin fahren – überlegen Sie, ob eine telemedizinische Beratung reicht. Dienste wie Medgate, Medi24 oder Santé24 sind rund um die Uhr erreichbar. Die Telemedizin kann:
- Einschätzen, ob Ihr Problem dringend ist
- Erste Behandlungsempfehlungen geben
- Ein Rezept ausstellen
- Sie an die richtige Stelle weiterleiten
Wenn Sie ein Telmed-Modell bei Ihrer Krankenkasse haben, ist der Anruf ohnehin der vorgesehene erste Schritt.
Entscheidungshilfe: Wohin wann?
- Lebensbedrohlich: 144 → Rettungsdienst → Notaufnahme
- Dringend, aber nicht lebensbedrohlich: Permanence oder Notfallpraxis
- Akut, aber kann ein paar Stunden warten: Ärztlicher Bereitschaftsdienst oder Telemedizin
- Nicht dringend: Am nächsten Werktag zum Hausarzt
Kosten im Vergleich
Die Kosten unterscheiden sich erheblich:
- Telemedizin: Günstigste Option, oft in der Prämie inbegriffen
- Hausarzt: Normal-Tarif, günstig
- Permanence: Etwas teurer als Hausarzt, aber deutlich günstiger als Notaufnahme
- Notaufnahme: Teuerste Option (Notfallzuschlag)
- Rettungswagen (144): Zusätzliche Transportkosten (OKP übernimmt 50%, Rest zahlen Sie selbst oder über Zusatzversicherung)
Die Rettungskosten sind ein häufig unterschätzter Posten: Ein Rettungseinsatz kostet 800-2'000 Franken. Die Grundversicherung übernimmt maximal 50% (bis 5'000 Fr./Jahr). Den Rest tragen Sie selbst – es sei denn, Sie haben eine Rettungskosten-Zusatzversicherung (z.B. Rega-Gönnerschaft).
Notfall mit Kindern
Bei Kindern ist die Unsicherheit besonders gross. Grundsätzlich gilt: Lieber einmal zu viel anrufen als einmal zu wenig. Der Kindernotfalldienst und die 144 nehmen Ihre Sorgen ernst.
Kinderspitäler in Zürich (Kinderspital), Bern (Inselspital), Basel (UKBB) und St. Gallen haben spezialisierte Kindernotaufnahmen.
Häufig gestellte Fragen
Muss ich die Notaufnahme bezahlen, auch wenn es kein «echter» Notfall war?
Ja. Die Behandlung wird abgerechnet, unabhängig von der Dringlichkeit. Die Grundversicherung übernimmt die Kosten, aber Sie zahlen Franchise und Selbstbehalt plus Notfallzuschlag. Bei einem Bagatellfall in der Notaufnahme zahlen Sie also mehr als beim Hausarzt.
Kann ich mit jedem Versicherungsmodell in die Notaufnahme?
Ja. Im Notfall gilt keine Einschränkung durch Ihr Versicherungsmodell. Auch im Hausarzt- oder HMO-Modell dürfen Sie ohne Überweisung die Notaufnahme aufsuchen.
Wann sollte ich die 144 anrufen statt selbst ins Spital zu fahren?
Bei Verdacht auf Herzinfarkt, Schlaganfall, schwere Verletzung, Bewusstlosigkeit oder wenn die Person nicht transportfähig ist. Im Zweifelsfall: lieber anrufen. Die Disponenten helfen Ihnen bei der Einschätzung.
Gibt es in der Schweiz eine allgemeine Notfallnummer wie die 112?
Ja, die 112 funktioniert auch in der Schweiz (europäische Notfallnummer) und leitet an die zuständige Stelle weiter. Für medizinische Notfälle ist die 144 aber der direktere Weg. Weitere Nummern: 117 (Polizei), 118 (Feuerwehr).