Vorsorgeuntersuchungen nach Alter: Empfehlungen für die Schweiz
Vorsorge in der Schweiz — weniger ist manchmal mehr
Die Schweiz ist kein Land der flächendeckenden Vorsorgeuntersuchungen. Anders als in Deutschland gibt es keinen standardisierten «Gesundheits-Check-up», der ab einem bestimmten Alter automatisch empfohlen und von der Kasse bezahlt wird. Stattdessen gibt es gezielte Screening-Programme für bestimmte Erkrankungen — und die Empfehlung, regelmässig den Hausarzt aufzusuchen.
Das hat einen Grund: Nicht jede Vorsorgeuntersuchung bringt einen Nutzen. Manche führen zu Überdiagnosen — man findet Auffälligkeiten, die nie Probleme gemacht hätten, löst aber Ängste, weitere Untersuchungen und manchmal unnötige Behandlungen aus. Die Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM) unterstützt die Initiative «Smarter Medicine», die explizit vor zu viel Vorsorge warnt.
Trotzdem gibt es Untersuchungen, die nachweislich Leben retten. Hier ein Überblick nach Altersgruppen — basierend auf den Empfehlungen des BAG, der FMH, der kantonalen Screening-Programme und der medizinischen Fachgesellschaften.
Kinder und Jugendliche (0–18 Jahre)
Die Kindervorsorge ist in der Schweiz gut strukturiert — dank des Vorsorgeprogramms, das in den ersten Lebensjahren regelmässige Untersuchungen beim Kinderarzt vorsieht:
- 1. Lebensjahr: 7 bis 9 Vorsorgeuntersuchungen — Entwicklungskontrolle, Wachstum, Hören, Sehen, Impfungen
- 2. bis 4. Lebensjahr: Jährliche Kontrolle — Sprache, Motorik, Sozialverhalten, Sehtest, Hörtest
- 5 bis 6 Jahre: Schulärztliche Untersuchung (kantonal geregelt)
- Pubertät (12–16): Auffrischimpfungen (Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, HPV), Kontrolle Wirbelsäule (Skoliose)
Alle Vorsorgeuntersuchungen bei Kindern werden von der Grundversicherung ohne Franchise übernommen. Das gilt auch für alle Impfungen gemäss Schweizerischem Impfplan.
HPV-Impfung
Die HPV-Impfung wird für alle Jugendlichen ab 11 Jahren empfohlen — Mädchen und Jungen. Sie schützt vor Gebärmutterhalskrebs, anderen HPV-assoziierten Krebsarten und Genitalwarzen. Die Kosten werden im Rahmen kantonaler Impfprogramme ohne Franchise und Selbstbehalt übernommen. Die Impfung ist am wirksamsten vor dem ersten Sexualkontakt.
Erwachsene 18–39 Jahre
Für gesunde junge Erwachsene sind wenige spezifische Vorsorgeuntersuchungen empfohlen:
- Blutdruck: Alle 3 Jahre messen lassen — beim Hausarzt oder in der Apotheke. Bluthochdruck verursacht keine Symptome, ist aber ein Hauptrisikofaktor für Herzinfarkt und Schlaganfall.
- Impfungen: Auffrischungen gemäss Impfplan (Diphtherie/Tetanus/Keuchhusten alle 20 Jahre, FSME bei Zeckenexposition)
- Hautkrebs: Selbstkontrolle der Muttermale (ABCDE-Regel). Bei Auffälligkeiten zum Dermatologen.
- Sexuell übertragbare Infektionen: HIV-Test bei Risikokontakten, Chlamydien-Screening bei jungen Frauen
- Gebärmutterhals-Screening (Frauen): Pap-Abstrich oder HPV-Test ab 21 Jahren, alle 3 Jahre (nach 30 Jahren alle 3–5 Jahre bei HPV-Testung)
Ein allgemeiner «Gesundheits-Check» in diesem Alter ist medizinisch nicht nötig — ausser bei familiären Risikofaktoren (Diabetes, Herzkrankheiten, Krebs in der Familie) oder bei Beschwerden.
Erwachsene 40–49 Jahre
Ab 40 nehmen die Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und bestimmte Krebsarten zu. Sinnvolle Untersuchungen:
- Blutdruck: Jetzt alle 1 bis 2 Jahre kontrollieren
- Blutzucker: Nüchternblutzucker oder HbA1c alle 3 Jahre — besonders bei Übergewicht, familiärer Belastung
- Cholesterin: Lipidprofil alle 5 Jahre — bei Risikofaktoren häufiger
- Gebärmutterhals-Screening: Fortsetzen (Pap oder HPV-Test alle 3–5 Jahre)
- Hautkrebs-Screening: Bei vielen Muttermalen oder Sonnenschäden: regelmässig zum Dermatologen
- Augenuntersuchung: Ab 40 alle 2 bis 4 Jahre — Glaukom-Früherkennung, besonders bei familiärer Belastung. Augenarzt finden
Erwachsene 50–64 Jahre
Ab 50 werden die wichtigsten Krebs-Screenings relevant:
Darmkrebsvorsorge
Darmkrebs ist die dritthäufigste Krebsart in der Schweiz. Das Screening wird ab 50 Jahren empfohlen — zwei Methoden:
- Koloskopie (Darmspiegelung): Alle 10 Jahre — gilt als Goldstandard, da Polypen direkt entfernt werden können
- Stuhltest (FIT): Alle 2 Jahre — sucht nach verstecktem Blut im Stuhl, nicht-invasiv
Die Grundversicherung übernimmt beide Methoden ohne Franchise — ein wichtiger Vorteil, der seit 2024 gilt. Die Altersgrenze ist 69 Jahre.
Brustkrebs-Screening (Frauen)
In den meisten Kantonen gibt es organisierte Mammographie-Screening-Programme für Frauen ab 50 Jahren — alle 2 Jahre bis zum Alter von 74. Die Einladung kommt per Post. Die Kosten übernimmt die Grundversicherung ohne Franchise.
Kantone mit Screening-Programm: Bern, Waadt, Genf, Wallis, Freiburg, Jura, Neuenburg, Basel-Stadt, St. Gallen, Graubünden, Thurgau und weitere. In Kantonen ohne Programm (z. B. Zürich bis vor kurzem, Luzern) können Sie die Mammographie vom Arzt verordnen lassen — dann läuft sie über die Grundversicherung mit Franchise.
Prostatakrebs (Männer)
Das PSA-Screening ist umstritten. Weder das BAG noch die Schweizerische Gesellschaft für Urologie empfehlen ein systematisches PSA-Screening — wegen hoher Raten von Überdiagnose und Überbehandlung. Die Empfehlung: Informieren Sie sich bei Ihrem Hausarzt über Vor- und Nachteile und entscheiden Sie individuell. Bei familiärer Belastung (Vater oder Bruder mit Prostatakrebs) ist eine Abklärung ab 45 Jahren sinnvoller.
Weitere Empfehlungen ab 50
- Impfung gegen Gürtelrose (Herpes Zoster): Empfohlen ab 65 (oder ab 50 bei Immunschwäche). Von der Grundversicherung übernommen.
- Knochendichtemessung: Nicht routinemässig, nur bei Risikofaktoren für Osteoporose (frühe Menopause, Kortison-Langzeittherapie, Frakturgeschichte)
- Augenuntersuchung: Alle 1 bis 2 Jahre — Glaukom, Makuladegeneration. Augenarzt finden
Ab 65 Jahren
Im AHV-Alter bleiben die Vorsorgeuntersuchungen wichtig:
- Darmkrebsvorsorge: Bis 69 Jahre fortsetzen (danach individuelle Entscheidung)
- Mammographie: Bis 74 Jahre (Screening-Programm)
- Grippe-Impfung: Jährlich — ab 65 von BAG empfohlen und von der Grundversicherung ohne Franchise übernommen
- Pneumokokken-Impfung: Einmalig empfohlen ab 65
- Sturzprävention: Gleichgewichtstraining, Vitamin-D-Supplementierung (nach Rücksprache mit dem Arzt), Medikamentenüberprüfung (Polypharmazie)
- Kognitive Gesundheit: Bei Anzeichen von Vergesslichkeit oder Verhaltensänderungen: ärztliche Abklärung. Kein Routine-Screening auf Demenz empfohlen.
- Hörtest: Bei nachlassendem Gehör: HNO-Arzt aufsuchen. Frühzeitige Versorgung mit Hörgeräten ist wichtig.
Was zahlt die Grundversicherung?
Die Grundversicherung (KVG) übernimmt folgende Vorsorgeuntersuchungen ohne Franchise:
- Kindervorsorgeuntersuchungen und Impfungen gemäss Impfplan
- Mammographie-Screening (ab 50, im Rahmen kantonaler Programme)
- Darmkrebsvorsorge (Koloskopie alle 10 Jahre oder Stuhltest alle 2 Jahre, Alter 50–69)
- Grippe-Impfung ab 65
- Gebärmutterhals-Screening (Pap/HPV-Test)
Andere Untersuchungen (Blutbild, Cholesterin, Blutzucker, Hautkrebsvorsorge) werden als ärztliche Leistung abgerechnet und unterliegen Franchise und Selbstbehalt — ausser es liegt bereits eine Diagnose oder ein konkreter Verdacht vor.
Häufige Fragen zu Vorsorgeuntersuchungen
Lohnt sich ein umfassender Gesundheits-Check beim Privatarzt?
Privatärztliche Check-up-Programme (CHF 500 bis 3'000) umfassen oft deutlich mehr als medizinisch empfohlen — Ganzkörper-MRT, umfangreiche Bluttests, Belastungs-EKG. Medizinisch ist der Nutzen umstritten: Die Gefahr von Zufallsbefunden und Überdiagnosen ist real. Für die meisten gesunden Erwachsenen reichen die oben beschriebenen gezielten Screenings aus.
Zahlt die Grundversicherung einen jährlichen Check-up?
Nein. Es gibt in der Schweiz keinen kassenfinanzierten jährlichen Gesundheits-Check wie in einigen anderen Ländern. Die Grundversicherung zahlt gezielte Vorsorge (Mammographie, Darmkrebsvorsorge, Impfungen) — aber keinen allgemeinen Rundum-Check.
Sollte ich regelmässig zum Hausarzt, auch wenn ich gesund bin?
Ein jährlicher Besuch beim Hausarzt ist ab 40 bis 50 Jahren sinnvoll — auch ohne Beschwerden. Der Hausarzt misst Blutdruck, bespricht Ihre Risikofaktoren und kann gezielt Untersuchungen veranlassen. Das ist kein «Check-up» im umfassenden Sinne, aber medizinisch wertvoll.
Bis wann sollte man mit der Darmkrebsvorsorge anfangen?
Ab 50. Wenn Darmkrebs in Ihrer Familie vorkommt (Eltern, Geschwister), sprechen Sie mit Ihrem Arzt — in diesen Fällen kann ein früherer Beginn (ab 40 oder 10 Jahre vor dem Erkrankungsalter des betroffenen Familienmitglieds) sinnvoll sein.
Werden Vorsorgeuntersuchungen im HMO-Modell erschwert?
Nein. Im HMO- oder Hausarztmodell müssen Sie zwar zuerst Ihren Hausarzt kontaktieren, aber dieser kann Sie problemlos zum Spezialisten überweisen (z. B. Mammographie, Koloskopie). Die Vorsorge-Leistungen sind in allen Versicherungsmodellen identisch.